Das Wichtigste in Kürze
- Zwei Arten verursachen die großen Schäden an der Fichte: der Buchdrucker im Stammbereich mit dicker Rinde, der Kupferstecher in Krone, Ästen und dünnrindigen Partien.
- Das Vermehrungspotenzial ist enorm. Aus einem erfolgreich besiedelten Baum können genug Käfer für rund 20 weitere hervorgehen, aus diesen wiederum Käfer für rund 400 Fichten. (Quelle 1)
- Entscheidend ist die frühe Diagnose durch Bohrmehlsuche in der Schwärmzeit von etwa April bis September. Rote Kronen und abfallende Rinde zeigen sich erst, wenn die Käfer meist schon ausgeflogen sind. (Quelle 1)
- Behandelt werden muss, solange die Brut im weißen Stadium ist – als Ei, Larve oder Puppe. Danach wirken mechanische Verfahren nur noch eingeschränkt. (Quelle 4)
- Rindenschlitzen macht unbefallenes Holz für den Käfer unbrauchbar und wirkt bei frischem Befall mit über 90 % gegen den Buchdrucker, wenn es früh erfolgt. Das Holz kann als Totholz im Wald bleiben. (Quelle 9)
- Bayern fördert die insektizidfreie Behandlung von Schadholz, im Schutzwald bis zu 80 € je Festmeter, wenn das Holz dauerhaft liegen bleibt. (Quelle 14)
Grundlagen
Buchdrucker und Kupferstecher
In Mitteleuropa leben über hundert Borkenkäferarten, die meisten davon unauffällig. Für die Fichte sind zwei Arten wirtschaftlich und ökologisch bedeutsam, weil sie bei Massenvermehrung auch gesunde Bäume zum Absterben bringen. Beide leben und brüten im Bast, der dünnen, nährstoffreichen Schicht zwischen Borke und Holz – und zerstören damit die Leitbahnen des Baumes.
Buchdrucker
Ips typographus
- Größe
- 4 bis 5,5 mm
- Befällt
- Stammbereich mit dicker Rinde; liegendes Holz und stehende, vitale Altfichten ab etwa 40 Jahren
- Fraßbild
- Rammelkammer mit meist zwei bis drei Muttergängen in Stammrichtung, Larvengänge seitlich davon
Kupferstecher
Pityogenes chalcographus
- Größe
- etwa 2 mm
- Befällt
- dünnrindige Bereiche: Krone, Äste, Stangenholz, Kronenmaterial nach der Aufarbeitung
- Fraßbild
- sternförmig: mehrere Muttergänge gehen von einer zentralen Rammelkammer ab
Beide Arten treten häufig gemeinsam am selben Baum auf – der Kupferstecher oben in der Krone, der Buchdrucker am Stamm. Bevorzugt wird die Fichte; selten befällt der Buchdrucker auch andere Nadelbäume wie Kiefer und Lärche. (Quelle 1)
Biologie
Lebenszyklus und Generationen
Überwinterung und Schwärmbeginn
Die Käfer überwintern in der Bodenstreu oder unter der Rinde. Im Frühjahr beginnt der Schwärmflug, wenn drei Bedingungen zusammenkommen: Die Lufttemperatur liegt über 16,5 °C, die Summe der Tageshöchsttemperaturen über 8,3 °C hat seit dem 1. April 140 Tagesgrade überschritten, und die Tageslänge entspricht etwa der ab Mitte April. Bei warm-trockener Witterung ist dann mit einem ersten starken Schwärmflug zu rechnen. (Quelle 2)
Befall eines Baumes
Beim Buchdrucker bohrt sich das Männchen ein und legt die Rammelkammer an. Duftstoffe locken weitere Käfer an. Eine vitale Fichte wehrt sich mit Harzfluss – nach heutigem Kenntnisstand reicht aber ein gleichzeitiger Angriff von einigen hundert Käfern, um diese Abwehr zu überwinden. Bei Trockenheit oder Vorschädigung genügen entsprechend weniger. (Quelle 1)
Entwicklung unter der Rinde
Die Weibchen legen die Muttergänge an und legen seitlich die Eier ab. Die Larven fressen sich nahezu rechtwinklig vom Muttergang weg, verpuppen sich am Ende ihres Ganges und entwickeln sich zu Jungkäfern, die vor dem Ausflug noch einen Reifungsfraß durchlaufen. (Quelle 8)
Für die Praxis entscheidend ist die Unterscheidung zwischen weißem Stadium (Ei, Larve, Puppe) und braunem Stadium (Jung- und Altkäfer). Nur im weißen Stadium sind mechanische Verfahren voll wirksam. (Quelle 4)
Wie schnell das geht, hängt von der Temperatur ab. Der Entwicklungsnullpunkt des Buchdruckers liegt bei 8,3 °C; für eine vollständige Generation werden rund 550 Tagesgrade oberhalb dieser Schwelle benötigt. Im Hochsommer ist das in wenigen Wochen erreicht, im kühlen Frühjahr dauert es deutlich länger. (Quelle 15)
Mehrere Generationen und Geschwisterbruten
Unter den heutigen Klimabedingungen legen Buchdrucker und Kupferstecher je nach Witterung zwei bis drei Generationen im Jahr an. Hinzu kommen Geschwisterbruten: Die Elterntiere verlassen nach der Eiablage das Brutbild und legen anderswo erneut Bruten an. (Quelle 1) Im Herbst 2023 gelang dem Buchdrucker in Bayern eine dritte Generation bis in Höhen von etwa 800 m. (Quelle 16) Späte Bruten des Jahres überwintern.
Merke
Jede neue Generation und jede Geschwisterbrut bedeutet einen neuen Schwärmflug – und damit ein neues Zeitfenster, in dem frischer Befall entsteht und gefunden werden kann. Die Bohrmehlsuche ist deshalb keine einmalige Aufgabe im Frühjahr, sondern begleitet die ganze Saison.
Ursachen
Warum Fichten befallen werden
Ob es zur Massenvermehrung kommt, entscheidet das Zusammenspiel aus zwei Seiten: wie viele Käfer vorhanden sind und wie viel geeignetes, wehrloses Brutmaterial sie finden. Die wichtigsten Faktoren:
- Liegendes, frisches Holz. Sturmwurf, Schneebruch und abgebrochene Gipfel haben keine Harzabwehr mehr und sind ideales Brutmaterial. Stämme mit Wipfelbruch, die noch mehr als ein Drittel grüne Krone tragen, sollten nach aktueller Empfehlung ebenfalls aus dem Bestand. (Quelle 16)
- Trockenstress. Die flach wurzelnde Fichte leidet unter Wassermangel besonders stark. Geschwächte Bäume bilden weniger Harz und wehren sich schlechter. Wie gut der Waldboden an Ihrem Standort aktuell mit Wasser versorgt ist, zeigt der WaldDürreMonitor (öffnet in neuem Tab) der LWF bestandesgenau. (Quelle 7)
- Hohe Ausgangspopulation. Nicht aufgearbeitetes Käferholz aus dem Vorjahr ist die Quelle des nächsten Befalls.
- Exponierte Bestandesränder. Frisch aufgerissene sowie süd- und südwestseitige Ränder erwärmen sich stark und werden bevorzugt angeflogen. (Quelle 16)
Praxis
Befall erkennen
Welche Merkmale sichtbar sind, hängt von der Jahreszeit ab. Während der Schwärmzeit konzentriert sich die Kontrolle auf das Bohrmehl. (Quelle 2)
Frischer Befall: während der Schwärmzeit
- Braunes Bohrmehl in Rindenschuppen und Rindenritzen, am Stammfuß, auf Spinnweben und auf der Bodenvegetation. Regen wäscht es ab – am erfolgreichsten ist die Suche an trockenen, windstillen Tagen. (Quelle 16)
- Einbohrlöcher in der Rinde, oft mit Bohrmehl davor.
- Harztropfen oder Harzfluss als Abwehrreaktion des Baumes. Nicht jeder Harzfluss bedeutet Käferbefall, er ist aber ein Anlass, genauer hinzusehen.
Besonders gründlich sollten Sie an vorjährigen Befallsherden, an süd- und südwestseitigen Bestandesrändern sowie rund um Windwürfe und Holzpolter suchen. (Quelle 16)
Älterer Befall: sichtbar ab Spätsommer und im Winter
- Verfärbung der Krone von grün über fahl bis rotbraun, grüne Nadeln am Boden
- Spechtabschläge: helle Stellen, an denen Spechte die Rinde abgeschlagen haben
- Abfallende Rinde
Sind diese Merkmale sichtbar, sind die Käfer meist schon ausgeflogen. Der Baum selbst ist dann kein Brutraum mehr – umso wichtiger ist die Bohrmehlsuche an den umstehenden Bäumen. (Quelle 1)
Das Brutstadium prüfen
Heben Sie an einer befallenen Stelle mit Beil oder Messer ein Stück Rinde ab. Sehen Sie weiße Larven oder Puppen, lässt sich der Baum noch wirksam behandeln. Finden Sie hell- bis dunkelbraune Jungkäfer, drängt die Zeit – dann ist die Rücksprache mit der Revierleitung besonders wichtig.
Wann und wie Sie suchen sollten, steht im Handlungsleitfaden
Ökologie
Natürliche Gegenspieler
Der Borkenkäfer hat zahlreiche natürliche Feinde, die Fachleute Antagonisten nennen. Zu den wichtigsten zählen der Ameisenbuntkäfer, dessen Larven die Käferbrut unter der Rinde fressen, parasitoide Wespen, die ihre Eier in die Käferlarven legen, Spechte und insektenpathogene Pilze.
Ihre Populationen wachsen mit dem Nahrungsangebot, aber mit Verzögerung. Sie können eine beginnende Massenvermehrung deshalb nicht verhindern, tragen aber dazu bei, dass sie wieder zusammenbricht.
Für die Bekämpfung hat das zwei praktische Folgen. Erstens leben viele Gegenspieler in derselben Rinde wie die Käfer – vollständiges Entrinden trifft sie mit. Die Studie von Thorn und Kollegen fand bei vollständig entrindeten Stämmen massive Verluste unter anderem bei parasitoiden Wespen, bei geschlitzten Stämmen dagegen ähnliche Artenzahlen wie bei unbehandelten. (Quelle 10) Zweitens werden Gegenspieler wie der Ameisenbuntkäfer von denselben Duftstoffen angelockt und landen in Lockstofffallen – ein Grund, warum solche Fallen zur Überwachung dienen, nicht zur Bekämpfung.
Überwachung
Monitoring: die aktuelle Lage
Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft betreibt seit 2004 ein landesweites Borkenkäfer-Monitoring mit Pheromonfallen an rund 130 Standorten. Die Fänge werden wöchentlich ausgewertet und als regionale Gefährdungseinschätzung veröffentlicht. (Quelle 16, Quelle 5)
| Angebot | Was es zeigt |
|---|---|
| borkenkaefer.org (öffnet in neuem Tab) | Gefährdungskarte und Fangzahlen der LWF-Monitoringstandorte für Buchdrucker und Kupferstecher, in der Saison ab April |
| Blickpunkt Waldschutz (öffnet in neuem Tab) | Newsletter der LWF mit Einschätzung, wann Schwärmflüge beginnen und wo zu suchen ist |
| Borkenkäferinfoportal (öffnet in neuem Tab) | Hintergrundwissen der LWF zu Biologie, Befallsmerkmalen und Bekämpfung |
| WaldDürreMonitor (öffnet in neuem Tab) | Tagesaktuelle Bodenfeuchte für einzelne Waldbestände in Bayern |
Fangzahlen richtig lesen
Fallenfänge zeigen die Flugaktivität in einer Region, nicht den Befall in Ihrem Wald. Niedrige Zahlen sind kein Grund, auf die Kontrolle zu verzichten. Seit der Saison 2026 werden außerdem neue Pheromon-Dispenser mit geringerer Fangleistung eingesetzt; ein Vergleich mit den Zahlen der Vorjahre ist deshalb nur eingeschränkt möglich. (Quelle 5)
Handeln
Saubere Waldwirtschaft und Bekämpfungsverfahren
Die wirksamste Vorsorge heißt in der Forstpraxis saubere Waldwirtschaft: dem Käfer das Brutmaterial entziehen, Befall früh finden und befallenes Holz rechtzeitig so behandeln, dass keine Käfer mehr ausfliegen. Konkret empfiehlt die LWF unter anderem, Sturm- und Schneebruchschäden bis Mitte April aufzuarbeiten, befallenes Holz vor dem Ausflug der Käfer zur Anlage von Geschwisterbruten aus dem Wald zu bringen oder unschädlich zu machen und Kronen- sowie Restholz zu mulchen oder zu hacken. (Quelle 16)
| Verfahren | Wirksam, wenn … | Zu beachten |
|---|---|---|
| Abfuhr ins Werk oder auf ein Zwischenlager | das Holz vor dem Ausflug der Käfer den Wald verlässt | Zwischenlager nach Förderrichtlinie in waldschutzwirksamer Entfernung, Richtwert etwa 500 m zum nächsten gefährdeten Bestand (Quelle 14) |
| Vollständiges Entrinden | die Brut im weißen Stadium ist | Im braunen Stadium nur bedingt wirksam, die Rinde muss dann nachbehandelt werden. Bleiben 20 % oder mehr der Rinde am Stamm, können sich Bruten fertig entwickeln. (Quelle 4) |
| Rindenschlitzen | das Holz noch unbefallen ist oder die Brut im weißen Stadium ist | Rinde sauber bis auf das Splintholz durchtrennen; je früher, desto wirksamer (Quelle 9) |
| Hacken oder Mulchen von Kronen und Restholz | das Material gründlich zerkleinert wird | Kupferstecher-Bruten werden durch Hacken nicht sicher abgetötet – Hackschnitzel rasch abfahren (Quelle 4) |
Chemische Verfahren mit Insektiziden sind nach der bayerischen Förderrichtlinie nicht förderfähig (Quelle 14) und nicht Teil meiner Arbeit.
Verfahren
Rindenschlitzen im Detail
Technik
Beim Rindenschlitzen wird an der Motorsäge statt Schiene und Kette ein Anbaugerät mit rotierenden Streifenmessern montiert. In den Praxisversuchen der LWF wurde das Schälgerät mit den Streifenmessern „Nationalpark Bayerischer Wald“ der Firma Eder Maschinenbau verwendet. (Quelle 9) Die Messer fräsen schmale Streifen aus der Rinde; kleinere Aststummel können dabei mit abgefräst werden, sodass die Entastung nicht so penibel sein muss wie beim Schäleisen. (Quelle 8)
Entscheidend für die Wirkung ist, die Rinde sauber bis auf das Splintholz zu durchtrennen – mit Sichtkontrolle. Nur dann wird die Brutentwicklung von Buchdrucker und Kupferstecher wirksam unterbunden. (Quelle 9)
Warum es wirkt
Die Muttergänge des Buchdruckers verlaufen in Stammrichtung, die Larven fressen sich nahezu rechtwinklig davon weg. Die in Stammrichtung gefrästen Streifen schneiden diese Larvengänge durch und unterbinden den Reifungsfraß. (Quelle 8) Zusätzlich trocknet der verbleibende Bast in den schmalen Rindenstreifen schneller aus.
Vorbeugend und bei frischem Befall
Man unterscheidet zwei Einsatzzwecke. Präventiv an noch unbefallenem Holz – etwa frischem Sturmholz – bietet Rindenschlitzen ebenso wie vollständiges Entrinden umfassenden Schutz vor Besiedlung. Kurativ an bereits befallenem Holz wirkt es, solange sich unter der Rinde nur weiße Entwicklungsstadien befinden. (Quelle 9)
Wirksamkeit
Die LWF hat die Wirkung bei bestehendem Befall in einem zweijährigen Praxisversuch untersucht: Fichtenstämme wurden gezielt mit Buchdruckern besiedelt, zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Brutentwicklung geschlitzt und die ausschlüpfenden Käfer mit unbehandelten Kontrollstämmen verglichen. (Quelle 9)
| Art | Früher Zeitpunkt | Später Zeitpunkt |
|---|---|---|
| Buchdrucker | im Mittel über 90 % während der Eiablage | kaum Unterschied zwischen spätem Larven- und Puppenstadium |
| Kupferstecher | knapp 80 % im Mittel | etwa 60 % |
Quelle: LWF-Praxisversuch, zusammengefasst in Quelle 9.
Auch die internationale Forschung bestätigt die Wirkung. Eine Studie an künstlichen Sturmwürfen fand, dass Rindenschlitzen die Zahl der ausschlüpfenden Buchdrucker ebenso stark verringerte wie vollständiges Entrinden, auf etwa 10 % der unbehandelten Kontrollen. Mit Leimstreifen ließ sich zeigen, dass geschlitzte und entrindete Stämme kaum noch angeflogen wurden. (Quelle 10) Eine Folgestudie im Nationalpark Bayerischer Wald kam zu dem Ergebnis, dass selbst wenig präzises Schlitzen den Buchdrucker so wirksam reduziert wie die Abfuhr des Holzes, und dass das Verfahren im Schutzwald etwa doppelt so schnell ist wie vollständiges Entrinden von Hand. (Quelle 11) Eine Untersuchung von 2026 bewertet vorbeugendes wie heilendes Schlitzen als wirksame Ergänzung, vor allem für kleinere Mengen und dort, wo Maschinen nicht einsetzbar sind, etwa in Steillagen. (Quelle 13)
Arbeitsleistung
Untersuchungen der Bayerischen Staatsforsten ergaben je nach Dimension des Holzes Stundenleistungen zwischen 0,7 und 5,8 Festmetern für das reine Schlitzen, im Mittel 3,2 Festmeter pro Stunde. In Versuchen im Nationalpark Bayerischer Wald sparte das Streifenmesser gegenüber Standardmessern zur vollständigen Entrindung 28 % Arbeitszeit, was einer Produktivitätssteigerung von 38 % entspricht. (Quelle 8) Weil dicke Stämme viel Volumen je Meter Rindenfläche haben, schwankt die Leistung je Festmeter stark mit dem Durchmesser.
Ökologische Vorteile
Totholz ist einer der wichtigsten Lebensräume im Wald. Ein großer Teil der Waldarten, darunter viele gefährdete Käfer und Pilze, ist auf absterbendes und totes Holz angewiesen. Rindenschlitzen erlaubt es, befallenes oder geworfenes Holz im Wald zu lassen, ohne eine Brutstätte für den Buchdrucker zu schaffen.
Die Studie von Thorn und Kollegen verglich beide Verfahren direkt: Vollständiges Entrinden verursachte massive Verluste bei Holzpilzen, Totholzkäfern einschließlich Arten der Roten Liste sowie bei parasitoiden Wespen. Geschlitzte Stämme wiesen dagegen ähnlich hohe Artenzahlen auf wie unbehandelte Kontrollstämme. (Quelle 10) Eine Untersuchung aus dem Nationalpark Bayerischer Wald von 2024 fand, dass weder das Schlitzen noch die maschinelle Entrindung per Harvester die Artenzahl der übrigen Käfer im Holz verringerte, und empfiehlt beide Verfahren als Alternative zur Räumung – auch, um Totholz gezielt im Wald anzureichern. (Quelle 12)
Weitere praktische Vorteile: Es fahren keine Maschinen in den Bestand, der Boden wird geschont, und mit Akkugeräten entstehen vor Ort weder Abgase noch Einträge von Kettenöl.
Grenzen des Verfahrens
Zu einer ehrlichen Einordnung gehört auch, was Rindenschlitzen nicht leisten kann:
- Der Zeitpunkt ist entscheidend. Sind unter der Rinde bereits Jungkäfer entstanden, reicht Schlitzen nicht mehr aus. Beim Kupferstecher sinkt die Wirkung mit späterem Zeitpunkt besonders deutlich. (Quelle 9)
- Die Ausführung muss stimmen. Nur eine bis auf das Holz durchtrennte Rinde mit schmalen Reststreifen unterbindet die Brutentwicklung. Ob das nicht vollständige Entfernen der Rinde im Einzelfall ausreichend waldschutzwirksam ist, beurteilt für die Förderung das Forstpersonal. (Quelle 14)
- Kronen und Äste gehören dazu. Das dünnrindige Material ist Brutraum des Kupferstechers und muss eigens behandelt werden, etwa durch Hacken oder Mulchen.
- Handarbeit hat Grenzen. Bei großflächigen Schadereignissen ist motormanuelles Arbeiten zu langsam; hier sind Abfuhr oder maschinelle Entrindung gefragt. (Quelle 12)
- Auch Schlitzen greift ins Totholz ein. Es verändert die Artenzusammensetzung im Holz (Quelle 12) und verringerte in der Studie von Thorn und Kollegen zum Beispiel den Schlupf von Riesenholzwespen und die Zahl der Spechthackspuren. (Quelle 10)
Förderung
Förderung in Bayern
Der Freistaat Bayern fördert die insektizidfreie Vorbeugung und Bekämpfung rindenbrütender Insekten an Schadholz. Unter „Entrinden von Hand“ nennt die Richtlinie ausdrücklich auch Motorsägen-Vorsatzgeräte zum Schlitzen der Rinde. Außerhalb des Schutzwalds gibt es 10 € je Festmeter, im Schutzwald 30 € bei späterer Abfuhr und 80 €, wenn das Holz dauerhaft im Wald bleibt. (Quelle 14)
Alle Fördersätze, Voraussetzungen, Fristen und ein Rechenbeispiel
Begriffe
Glossar
- AELF
- Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Zuständig für Beratung, Förderung und Waldschutz im Privat- und Körperschaftswald; vor Ort vertreten durch die Revierleitung.
- Bast
- Lebende Gewebeschicht zwischen Borke und Holz, in der Nährstoffe transportiert werden. Nahrung und Brutraum der Borkenkäfer.
- Bohrmehl
- Fein zermahlene Rinde, die Borkenkäfer beim Einbohren und Anlegen der Gänge auswerfen. Bei frischem Befall stehender Fichten braun gefärbt.
- Braunes Stadium
- Jungkäfer und Altkäfer unter der Rinde. Mechanische Verfahren sind jetzt nur noch eingeschränkt wirksam.
- Brutbild, Fraßbild
- Das Muster aus Rammelkammer, Mutter- und Larvengängen auf der Innenseite der Rinde. Es ist für jede Borkenkäferart typisch.
- Disposition
- Die Anfälligkeit eines Bestandes für Befall, bestimmt etwa durch Trockenheit, Vorschädigung, Alter und Lage.
- Fängisch
- Befallsfähig. Frisches Holz mit saftigem Bast ist fängisch; ausgetrocknetes Holz oder Holz, aus dem die Käfer ausgeflogen sind, nicht mehr.
- Festmeter (fm)
- Ein Kubikmeter feste Holzmasse ohne Zwischenräume. In der Förderung wird Stammholz in Festmetern ohne Rinde nachgewiesen.
- Gefährdungsbereich
- Förderrechtlich der an Schutzwald angrenzende Wald bis höchstens 500 m Entfernung, soweit darin befallsfähige Bäume stehen.
- Geschwisterbrut
- Erneute Brut derselben Elterntiere, nachdem sie das erste Brutbild verlassen haben.
- Larvengang
- Fraßgang einer Larve. Beim Buchdrucker verläuft er nahezu rechtwinklig zum Muttergang und endet in der Puppenwiege.
- LWF
- Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising. Betreibt das Borkenkäfer-Monitoring und berät die Forstverwaltung fachlich.
- Muttergang
- Brutgang, den das Weibchen anlegt und an dessen Rand es die Eier ablegt. Beim Buchdrucker in Stammrichtung.
- Rammelkammer
- Kammer unter der Rinde, die das Männchen anlegt und in der die Paarung stattfindet. Von hier gehen die Muttergänge aus.
- Reifungsfraß
- Fraß der frisch geschlüpften Jungkäfer unter der Rinde, bevor sie ausfliegen.
- Saubere Waldwirtschaft
- Grundprinzip der Borkenkäfervorsorge: Brutmaterial rechtzeitig entfernen oder unschädlich machen, Befall früh erkennen und behandeln.
- Schutzwald
- Wald, der nach Art. 10 BayWaldG insbesondere vor Lawinen, Steinschlag, Erosion oder Hochwasser schützt. Im Bergwald Oberbayerns weit verbreitet.
- Splintholz
- Äußerer, jüngerer Teil des Holzkörpers direkt unter dem Bast. „Bis auf das Splintholz schlitzen“ heißt: Rinde und Bast vollständig durchtrennen.
- Stehend- und Liegendbefall
- Befall stehender Bäume beziehungsweise liegenden Holzes wie Windwurf oder Polter.
- Tagesgrade
- Maß für die aufsummierte Wärme oberhalb einer Temperaturschwelle, etwa 10 Tagesgrade bei einem Tagesmittel von 18,3 °C und einer Schwelle von 8,3 °C. Damit lässt sich die Entwicklung der Käfer abschätzen.
- Waldrestholz
- Förderrechtlich alles, was nicht Stammholz ist: Kronen, Äste, Brenn- und Industrieholz, unverwertetes Restholz.
- Waldschutzwirksam
- So behandelt, dass aus dem Holz keine Käfer mehr ausfliegen können.
- Weißes Stadium
- Eier, Larven und Puppen unter der Rinde. In diesem Stadium sind Entrinden und Schlitzen voll beziehungsweise sehr gut wirksam.
Belege
Quellen
- BehördeBayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft: Borkenkäferinfoportal – Buchdrucker und Kupferstecher. lwf.bayern.de (öffnet in neuem Tab)
- Fachportalwaldwissen.net: Befallssuche beim Borkenkäfer. waldwissen.net (öffnet in neuem Tab)
- BehördeLWF-Merkblatt 14: Buchdrucker und Kupferstecher an Fichte. lwf.bayern.de (öffnet in neuem Tab)
- BehördeLWF-Merkblatt 50: Technische Borkenkäferbekämpfung. lwf.bayern.de (öffnet in neuem Tab) · Zusammenfassung: waldwissen.net (öffnet in neuem Tab)
- BehördeLWF: Borkenkäfer-Monitoring mit Gefährdungskarte und Hinweisen zur Dispenser-Umstellung 2026. borkenkaefer.org (öffnet in neuem Tab)
- BehördeLWF: Newsletter Blickpunkt Waldschutz. lwf.bayern.de/newsletter (öffnet in neuem Tab)
- BehördeLWF: WaldDürreMonitor Bayern. waldduerremonitor.de (öffnet in neuem Tab)
- FachportalHohenadl, A.; Wolf, J. (LWF): Rindenschlitzen – Mit Streifenmesser gegen den Borkenkäfer. waldwissen.net (öffnet in neuem Tab)
- FachpresseLWF-Praxisversuch zum Rindenschlitzen bei bestehendem Befall. Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt: Borkenkäfer stoppen – So kann Rindenschlitzen helfen (2026). wochenblatt-dlv.de (öffnet in neuem Tab) · Forstpraxis: Borkenkäferbekämpfung mit der Motorsäge (2025). forstpraxis.de (öffnet in neuem Tab)
- StudieThorn, S. et al. (2016): Bark-scratching of storm-felled trees preserves biodiversity at lower economic costs compared to debarking. Forest Ecology and Management 364: 10–16. doi.org/10.1016/j.foreco.2015.12.044 (öffnet in neuem Tab)
- StudieZarges, S. et al. (2023): Low accuracy bark gouging controls Ips typographus outbreaks while conserving non-target beetle diversity. Forest Ecology and Management. sciencedirect.com (öffnet in neuem Tab)
- StudieZarges, S. et al. (2024): Debarking harvesters simultaneously combat the European spruce bark beetle (Ips typographus) and conserve non-target beetle diversity. Ecological Solutions and Evidence. doi.org/10.1002/2688-8319.12353 (öffnet in neuem Tab)
- StudieFrühbrodt et al. (2026): Therapeutic Bark Gouging as an Effective Complement for the Management of Ips typographus and Pityogenes chalcographus While Preserving Habitat for Secondary Scolytine Species. Journal of Applied Entomology. doi.org/10.1111/jen.70075 (öffnet in neuem Tab)
- BehördeBayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus: Förderung der Vorbeugung und Bekämpfung rindenbrütender Insekten – WALDFÖPR 2025, Stand 05.03.2026. waldbesitzer-portal.bayern.de (öffnet in neuem Tab)
- StudieWermelinger, B.; Seifert, M. (1998): Analysis of the temperature dependent development of the spruce bark beetle Ips typographus (L.). Journal of Applied Entomology 122.
- BehördeLWF: Blickpunkt Waldschutz 4/2024 – Vorsorgen für die bevorstehende Borkenkäfersaison. lwf.bayern.de (öffnet in neuem Tab) · Empfehlungen der LWF, wiedergegeben im Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt. wochenblatt-dlv.de (öffnet in neuem Tab)
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